„Wird Stadt gestaltet, werden Planungsprozesse gestaltet“

Ein Interview mit Renée Tribble, Mitbegründerin der Hamburger »PlanBude«, über Stadtplanung als Prozess und die Rolle von Planer*innen

Wie kann ein Stadtteil selbst planen? Renée Tribble ist seit September 2021 Professorin für Städtebau, Bauleitplanung und Stadtgestaltungsprozesse in Dortmund. Sie bringt frische Perspektiven in das Ruhrgebiet. Sie hat zu Prozessen der Stadtgestaltung geforscht und ist Mitbegründerin der »PlanBude« in Hamburg. Diese hat mit ihren berühmten Containern auf St. Pauli spannende künstlerische und innovative Methoden der Stadtentwicklung ausprobiert und das Beteiligungsverfahren für den Neubau am Spielbudenplatz (ehemalige Esso-Häuser) organisiert. Als eine Schnittstelle zwischen Aktivismus und professioneller Stadtplanung war der Prozess der »PlanBude« beispielhaft. Wir haben uns mit ihr über die Rolle von Planer*innen in Stadtgestaltungsprozessen unterhalten und darüber wie Vertrauen zwischen Akteur*innen entstehen kann und dass die Methoden zu den Menschen passen müssen.

Wie ist die »PlanBude« entstanden und wie bist du überhaupt zu dem Projekt gekommen?

Nachdem die »Esso-Häuser« evakuiert wurden, gab es Protest-Aktionen und eine unabhängige Stadtteilversammlung. In dieser wurde die sogenannte Ballsaalresolution mit der Forderung, selbst zu planen, verabschiedet. Daraus hat sich die Arbeitsgruppe (AG) Planung gebildet. Ein Kollege aus der Uni war bei der AG dabei und hat mich gefragt, ob ich mitmachen will. Da ich bereits viel Erfahrung in professionellen Planungsbüros gesammelt hatte, konnte ich mein Wissen gut einbringen. Beim nächsten Gespräch der AG Planung mit dem Bezirk war ich dann beteiligt. Teilweise kannte ich schon die Ansprechpartner*innen beim Bezirk, das hat die Kommunikation erleichtert. Im Laufe des Prozesses hat der Bezirk gesagt: „Wir können doch keinen Stadtteil beauftragen zu planen!“ Unsere Antwort darauf war, dass wir eine GbR gründeten, die auftragsfähig ist und in der Menschen arbeiten, die das nötige Wissen mitbringen. Die Stadt sollte nicht Nein sagen können. Die »PlanBude« bestand aus Architekt*innen, Planer*innen, Künstler*innen und Sozialarbeiter*innen. Einige hatten bereits »Park Fiction« gemacht [eine Parkfläche am Hafen, die 1997 von Anwohner*innen selbst geplant wurde; Anm. FH & ME]. Letztendlich gab es eine Ausschreibung des Bezirks, auf die wir uns dann mit unserem Konzept der »PlanBude« beworben haben. Mir war es wichtig, zu zeigen und daran mitzuwirken, dass Planung auch anders gehen kann.

Die Stadt hat eine Ausschreibung gemacht. Ihr habt ein Angebot geschrieben und wurdet beauftragt. War die »PlanBude« dann die Antwort auf die Frage: Wie können wir einen Stadtteil beauftragen?

„Der Stadtteil plant selbst“ war unsere Devise. Wir hatten immer einen engen Austausch mit der »Initiative Esso-Häuser« und haben an den Treffen teilgenommen. Im Nachhinein war das Besondere am Prozess, dass wir vom Bezirk beauftragt waren. Gleichzeitig waren einige Beteiligte auch diejenigen, die zuvor jahrelang gegen den Bezirk gearbeitet haben. Das war das Spannende und beide Seiten haben sich da auf ein Experiment eingelassen.

Es gibt Initiativen, die versuchen, Anwohner*innen und zukünftigen Nutzer*innen in die Lage zu versetzen, selbst Auftraggeber*innen für die Planung zu sein. War das eure Absicht mit der Devise „der Stadtteil plant selbst“?

Das klingt für mich nach einer Aktivierungsstrategie. Wir haben immer gesagt, dass wir die Interessen des Stadtteils herausfinden wollen, und auch das, was St. Pauli ausmacht. Daher der Slogan „Knack den St. Pauli Code“.

Es gibt momentan eher ein duales Verständnis: Wirtschaft und Planung sind starke Partner*innen. Die Wirtschaft ist eine starke Partnerin, weil sie das Geld hat. Aber die Frage ist ja: Wie kann die Zivilgesellschaft miteinbezogen werden? Es gibt diesen Spruch aus den 1960er Jahren: „Die Demokratie als Bauherrin.“ Früher waren die Verwaltungen und die Kommunen stärker involviert. Sie haben selbst mit eigenen Architekt*innen gebaut. Das gibt es jetzt nicht mehr. Und was willst du als Kommune gegenüber Investor*innen tun, wenn dir Projektentwicklungsfonds und Juristen gegenübersitzen? Da musst du ganz früh die Zivilgesellschaft einbeziehen.

Und die »PlanBude« hat versucht, die Zivilgesellschaft früh zu beteiligen.

Genau. Wir wollten mit künstlerischen Methoden an das Alltagswissen herankommen und Planung als Plattform verstehen: Wie können Leute selbst planen? Was brauchst du? Welche Fragen müssen gestellt werden? Durch Methoden wie „Post-It“-Participation oder das „Punktekleben auf Plänen“ entwickelst du ja keine Haltung. Du fängst auch nicht an, deine eigenen Vorstellungen auszudrücken. Wir haben versucht, Tools zu entwickeln, die das herauskitzeln. Tools, mit denen Menschen sich auf alle möglichen Arten ausdrücken können, auch abseits von Sprache und Schrift. Die Erfahrungen von »Park Fiction« waren da natürlich hilfreich.

Was waren solche Tools?

Wir haben zum Beispiel einen Fragebogen entwickelt. Wenn du ihn ausfüllst, musst du ihn drehen, du musst da anfangen, kannst da malen und dann da nochmal schreiben. So hast du den Fragebogen schon anders behandelt und musstest anders denken.

Es gab trotzdem Anmerkungen, wie beispielsweise: „Das schränkt mich ein“. Für viele Leute ist es wichtig, Anhaltspunkte zu haben. Wenn du fragst: „Was stellst du dir hier vor?“ kommt eigentlich gar nichts. Vielleicht kommen dann Wünsche zu Bänken oder Bäumen. Wir haben aber Fragen gestellt zu Dachlandschaften oder zu der Tankstelle bei den »Esso-Häusern« und wollten wissen: Welche Orte zeigt ihr eurem Besuch? Was macht die Tankstelle für euch aus? Wie sieht der ultimative Laden aus? Was ist deine Traumwohnung und wie wohnst du jetzt? Es ist also weniger eine Auftraggeber*innenschaft als vielmehr das Ermitteln von Wünschen. Wir bezeichnen die Methode deshalb als „Wunschproduktion“.

Ihr hattet auch über ein Lego-Modell gesprochen. Bei einer Initiative haben wir uns eure Idee mit dem Lego-Modell abgeguckt. Das hat leider weniger gut geklappt. Was war ausschlaggebend für euren Erfolg?

Es war bei uns nicht sofort so, dass uns die Leute die Türen eingerannt haben. Wir hatten die Container vor Ort und sechs Tage die Woche jeweils fünf Stunden geöffnet. Wir mussten erst einmal die Menschen überzeugen: „Wir sind wirklich da und es wird eine Wirkung haben.“ Viele Leute haben nicht geglaubt, dass ihre Meinung relevant ist. Menschen sind einfach unterschiedlich und der Prozess muss zu den Leuten passen. Die Menschen müssen etwas für sich finden, genauso wie sie Zeit dafür finden müssen. Es war wichtig, dass wir so lange vor Ort waren und uns aufteilen konnten. So konnte jede*r auch eine*n Ansprechpartner*in bei uns für sich finden. Wir hatten unterschiedliche Alter, Erfahrungen und Hintergründe. Jede*r hatte meistens einen festen Tag. Ich war immer samstags oder sonntags da. Zusätzlich haben uns noch weitere Planbuddies unterstützt, die auch andere Sprachen außer Deutsch und Englisch gesprochen haben. Die Menschen konnten gucken: Wer passt zu mir? Und zu der- oder demjenigen gehen, die*der ihnen am meisten zugesagt hat.

Funktioniert sowas auch in Randbezirken, wie wichtig war euer Standort? Wären eure Methoden übertragbar?

Das hat schon etwas mit der Lage zu tun. Wir haben uns bewusst an die Reeperbahn gestellt, weil dort eben das Grundstück war. Es muss sich dort hingestellt werden, wo es guten Zulauf gibt. An eine Bushaltestelle oder aber auch auf einen Parkplatz vor Edeka. Es geht um die strategisch wichtige Lage. Da stehen, wo etwas passiert. Und am besten genau an dem Ort, um den es geht.

Aber wie können Planer*innen Ideen besser vermitteln?

Eigentlich geht es doch darum: Wie wollen deine Kinder wohnen? Das ist total simpel. Viele Menschen können sich nicht vorstellen, was am Ende eines Prozesses entstehen kann, weil sie nicht darin geübt sind, zu imaginieren. Und deswegen kommt der Protest auch immer so spät. Warum sollte man auch an einem leeren Haus oder einer grünen Wiese erkennen, dass da irgendwann ein Problem entsteht? Wichtig ist, dass man Fragen findet, die einen berühren.

Kommen wir zu deinem neuen Job. Du wurdest auf eine Professur an der TU Dortmund berufen und hast dort das Fachgebiet Städtebau, Bauleitplanung und Stadtgestaltungsprozesse übernommen. Neu ist die Ausrichtung auf Prozesse.

Ich hatte mit meiner Berufung die Möglichkeit, den Lehrstuhl umzubenennen. Dahinter steckt die Idee, dass beim Entwerfen und Gestalten von Städten Prozesse eine wichtige Rolle einnehmen. Ich will den Fokus auf die Prozesse legen. Wird Stadt gestaltet, werden Planungsprozesse gestaltet.

Wie können gute Prozesse entwickelt werden? Gehört da auch eine Haltung dazu?

Ich glaube, ich kann meine eigene Haltung nicht verstecken. Aber mir ist wichtig, dass Leute kritisch hinterfragen und eine eigene Haltung entwickeln. Haltung entsteht schon in der Auseinandersetzung mit einer Sache. Es geht darum, sich als aktives Element zu verstehen. Sich zu fragen: Was ist mir wichtig? Was entspricht meiner Haltung? Was will ich machen? Was möchte ich umsetzen?

Das muss nicht jede*r machen. Wenn Planer*innen ganz sachlich mit Normen argumentieren können, dann finde ich das beeindruckend und richtig. Aber man soll sich bewusst machen, was man tut.

Wie kann denn eine Haltung und eine aktive Rolle entwickelt und eingenommen werden?

Das passiert dann, wenn ich den Alltag der Menschen kenne und die Menschen vor Ort ernst nehme. Wenn ich gut bin, dann kann ich in Planungsprozessen Zeiträume einbauen, in denen Menschen Methoden nutzen, um im besten Fall eine gemeinsame Vorstellung zu entwickeln, wie die Stadt oder der jeweilige Ort in Zukunft sein soll. Wen frage ich dazu und was kann ich mit welchen Prozessen wann machen? Nicht jeder alternative Prozess muss bessere Ergebnisse bringen. Wichtig ist mir aber, dass man die Möglichkeiten wahrnimmt und es probiert.

Es geht also darum, Menschen Möglichkeitsräume und Zeit zur Verfügung zu stellen: Ist das der Weg, eine Haltung als Planer*innen zu entwickeln?

Es sollten die Möglichkeitsräume offengehalten werden. Ich habe letztes Jahr ein Seminar in Kassel gemacht, in dem wir untersucht haben, wie selbstinitiierte Projekte und Do-it-together Projekte mit den Stadtverwaltungen agieren und kommunizieren. Es gibt wahnsinnig viel Kommunikation, vielfach Nichtwissen und fehlende Ansprechpartner*innen auf beiden Seiten. Und als Planer*in geht es natürlich auch um Zeit. Es kann dem Investor nicht immer gesagt werden: Warte mal ein Jahr. Oder zwei Jahre. Es ist eine Herausforderung unter diesen Gegebenheiten Gemeinwohl in die Stadtentwicklung einfließen zu lassen. Und ja, es geht auch darum Verantwortung für einen gewissen Zeitraum abzutreten und zu schauen: Was kommt zurück? Was hat geklappt?

Was hast du noch vor in Dortmund?

Vieles. Aber um an das eben gesagte anzuknüpfen: Viele Projekte haben einen Zwischennutzungscharakter und wollen, je länger sie existieren, sich verstetigen. Wenn es in die Verstetigung geht, stehen Fragen der Finanzierung und des Baurechts im Raum. Wie kann die Stadtplanung da unterstützen? Ist das überhaupt ein Thema für Stadtplaner*innen oder ist das ein Thema für ein anderes Ressort? Ist das vielleicht etwas für das Kulturamt? Lässt sich dauerhaft etwas mit fliegenden Bauten bauen und entwickeln?

Vielleicht gibt es darauf viele unterschiedliche Antworten.

Das stimmt und ich habe noch nicht über aktivistische Antworten geredet. Aufmerksamkeit erregen, damit Dinge anders oder überhaupt diskutiert werden, funktioniert lustigerweise meistens nicht mit einem freundlichen Anruf oder einem Brief. Offensichtlich muss man da andere Dinge tun und das finde ich sehr berechtigt. Es gibt ein legitimes Interesse.


Interview

Mila Ellee und Florian Heinkel: Mila Ellee ist stadtpolitisch im Ruhrgebiet aktiv. Florian Heinkel ist Teil der Común-Redaktion.


Foto

Renée Tribble in der Hamburger »PlanBude« | Foto: © Frank Egel